Dr.Michael Meuer:

Zeitgenössische Kunst aus Ungarn
- Bestände der privaten Sammlung von Gaudens Pedit.

Differenz und Affinität sind zwei grundlegende Begriffe, um die Bedeutung   künstlerischer Werke, seien es solche einzelner Künstlerpersönlichkeiten oder Arbeiten aus einem Sammlungsbestand, im Kontext übergeordneter Kunstkriterien zu vergleichen.

Affinität zeigt zunächst einmal ihre Nähe zu bereits bestehenden internationalen Qualitätsstandards, um damit deren Vergleichbarkeit zu begründen. Differnz belegt schließlich deren Unterscheidbarkeit und damit die Eigenständigkeit künstlerischer Leistungen.

Die Sammlung "Pedit", mit Beständen aus den späten 80er und 90er Jahren, zeigt, dass die Junge Kunst Ungarns, trotz politischer Isolation, sowohl die Tradition Konkreter Kunst konsequent weiter entwickelt hat, als auch Anteil an den jüngsten Entwicklungsströmungen der Kunst des ausgehenden 20. Jahrhunderts genommen hat. Im Falle der Sammlung Pedit lassen sich als Schwerpunkte zu einen die expressive Kunst und zum anderen die Konkrete Kunst ausmachen. Beide Richtungen sehen sich in Ungarn, wie in der übrigen Kunstwelt auch, sowohl der Tradition als auch den jüngsten Kunstentwicklungen verpflichtet.

Die expressive Kunstrichtung ist hervorragend durch Fehér László repräsentiert. Seine großflächige Malerei der 90er Jahre mit der Tendenz zur monochromen, gelb und schwarz bevorzugenden Flächenteilung, in Verbindung mit figurativ erzählenden
Elementen, lassen Bilder entstehen, die ich als symbolistischem Expressionismus bezeichnen möchte, und deren Qualität bereits international Anerkennung gefunden hat.
In gewisser Nähe hierzu sind die surrealistisch-expressiven Bilder Bukta Imre’s zu sehen.
Parallelen zur Kunst der Jungen Wilden, die im internationalen Kunstgeschehen der 80er Jahre auffielen, sind in Arbeiten von Kelemen Károly festzustellen, die jedoch in Sujet und Stil einen eigenständigen Ausdruck fanden. Dieses gilt gleichermaßen für die bemerkenswerten Gemälde von Pinczehelyi Sándor und Wahorn András aus den 80er Jahren.

Gerne würde man weitere Bilder von Szentgyörgyi József sehen, dessen sichtbarer Hang zum Mythologischen in dem, bedauerlicherweise einzigem Bild der Sammlung, einen starken Ausdruck gefunden hat.

Eine eigenwillige, in der vorliegenden Form wenig bekannte Verbindung von expressiver und Konkreter Kunst findet sich in den Arbeiten von Hencze Tamás.
Er entwickelt in tachistisch-gestischer Manier Zeichen mit expressiver Farbigkeit. Als jeweils scharf gefasste Einzelfigur werden diese in Konkreter Manier spannungsreich mit dem Hintergrund und seinem sanften Farbverlauf in Beziehung gesetzt.

Die Konkrete Kunst wird in herausragender Weise von Trombitás Tamás repräsentiert. Er beeindruckt durch sein konsequentes Bekenntnis zur Konkreten Formensprache sowohl in Plastik als auch Malerei. Die Arbeiten von Mulasics László
sowie dem Mentor Tölg-Molnár Zoltán in seiner herben, an die Arte povera erinnernden Arbeiten sind in diesem Zusammenhang ebenfalls als bemerkenswert zu nennen.

In diesem Zusammenhang soll auch auf die Arbeiten Halász Károly verwiesen werden, welche der Konkreten Kunst in seiner Strenge einen spielerischen Akzent verleihen. Sie legen letztlich einen Verweis auf die Bilder von Bak Imre nahe, der in der Sammlung eine Ausnahmestellung einnimmt. Seine farbfrischen Bilder legen förmlich den Vergleich von einer eigenwilligen Synthese Konkreter Kunst und der Pop-Art nahe.  

Sind nicht gerade die letztgenannten Künstler Zeugnis eines lebendigen Traditionsverständnissen in der Kunst Ungarns, das seinen Ursprung im Konstruktivismus des Bauhauses, bei Moholy Nagy sehen kann und das diesen in eigenständiger und lebendiger Weis weiterentwickelt hat?
So gesehen dokumentiert die Sammlung Pedit, mit ihren Schwerpunkten in der expressiven und der Konkreten Kunst, eine spannende Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne einerseits sowie kollektivistischem Zwang und individuellem Ausdruckswillen andererseits.
Als Glücksfall ist es anzusehen, dass die Sammlung anlässlich des Beitritts Ungarns zur EU in Budapest gezeigt wird und damit einen Beitrag leisten kann, eine Facette der kulturellen Identität Ungarns zu repräsentieren.

Dr. Michael Meuer
Museumspädagogisches Zentrum
München
März 2004