Katalin Néray: Von der Neoavantgarde bis zur Transavantgarde
Katalin Néray: Von der Neoavantgarde bis zur Transavantgarde

Erst neuerdings ist die kunsthistorische Forschung dabei, die "verborgenen Dimensionen" der Kunst der 60er Jahre, der Geburt der ungarischen Neoavantgarde aufzuarbeiten. Allmählich fügt sich das Bild zusammen, das die Entwicklung, die Linie der progressiven ungarischen Kunst von Nagybánya, vom Cafe Japán über den Festsaal des innerstädtischen Planungsinstituts / IPARTERV bis zu weiteren Orten aufzeigt, die wir heute alternativ nennen würden. Ausstellungen gab es damals in Privatwohnungen, verschiedenen Klubs, in Internaten, Kellern und Dachböden und sogar in der Höhle des Löwen im Tierpark. Der absurden Logik von Genehmigungen und Verboten zu folgen, ist, zumal vom Standpunkt des Betrachters von außen, besonders schwer. Dennoch waren es die scheinbar inkonsequenten Maßnahmen der Obrigkeit, die innerhalb der eigenartigen Struktur der ungarischen Kunst die Rollenverteilung ermöglichten. Was in Budapest nicht sein durfte, war etwas weiter weg, in Székesfehérvár oder Pécs geduldet. Natürlich spielten dabei auch der Mut und die fachliche Redlichkeit der dortigen Museumsmitarbeiter eine Rolle. Anfang der 60er Jahre, genauer, mit der Csontváry Ausstellung von 1963 begann im König Stephan Museum in Székesfehérvár die Arbeit, die sich bis zum heutigen Tag darauf richtet, die progressiven ungarischen Traditionen der bildenden Kunst systematisch zu erschließen und neue Phänomene vorzustellen. Im wesentlichen vom gleichen Ziel geleitet waren die großangelegte Sammeltätigkeit und die Museumsgründungen des Janus Pannonius Museums in Pécs, wo heute noch bedeutende Künstler leben und arbeiten. Aus dem bunten und widersprüchlichen Bild der 60er Jahre ragen im Hinblick auf die ungarische Neoavantgarde zwei Daten hervor: die Studio Ausstellung von 1966, in der erstmals massenhaft, natürlich von entsprechendem Skandal begleitet, jene Generation ausstellen konnte, die im späteren für die ungarischen Richtungen von entscheidender Bedeutung geworden ist. Dieser folgte 1968 die schon erwähnte erste IPARTERV Ausstellung / Bak Imre, Frey Krisztián, Hencze Tamás, Jovánovics György, Keserû Ilona, Lakner László, Konkoly Gyula, Nádler István /, die erstmals seit der Auflösung der Europäischen Schule eine Rückkoppelung an die Ergebnisse der universellen Kunst, an die westeuropäische und amerikanische Entwicklung darstellt. Natürlich wurde auch schon damals der Vorwurf laut, der auch seither des öfteren zu hören ist, diese Kunst sei nichts anderes als ein Nachäffen des Westens mit einiger Phasenverschiebung. Selbstverständlich lassen sich die ungarischen und die osteuropäischen Phänomene überhaupt nicht als vollkommene Parallelen der Ereignisse des internationalen Kunstlebens begreifen, schon darum nicht, weil sich zeitgemäße Kunst und notgedrungenes politisches Rollenspiel häufig miteinander vermischen. Außerdem riefen das Fortbestehen und die Neuinterpretierung der nationalen Tradition in ihrem Zusammenhang eine neue avantgardistische Kunst ins Leben. Zur zweiten IPARTERV Ausstellung kam es 1969 und diese erregte keinen geringeren Sturm in den Kreisen der offiziellen Politik. Später ging die Gruppe auseinander, viele sind emigriert, wodurch sie zum Blutverlust der modernen ungarischen Kunst beitrugen. Im Hinblick auf den Stil war diese Gesellschaft überaus heterogen, Pop Art, Hyperrealismus, Hard-edge, Abstrakter Expressionismus, Opart, organische Abstraktion und Happening-Dokumentation hatten gleichermaßen Platz in ihr. Diese Ausstellungen waren sehr kurze Zeit zu sehen, dennoch büßte ihre Wirkung, ja ihre Legende, bis zum heutigen Tag nicht an Kraft ein. 1980, als diese Künstler nicht mehr als ketzerisch galten, fand eine weitere Ausstellung am ursprünglichen Ort statt. Unter dem Titel "Tendenzen" erschloss 1979-80 in der winzigen Óbuda Galerie eine ganze Serie die ungarische Neoavantgarde und vermochte in offiziellen Kreisen immer noch für Wirbel zu sorgen. Am 20. Jahrestag der legendären Ausstellung führte der Fészek Klub eine Hommage Ausstellung durch und konfrontierte die Künstler und ihre neuen Werke mit ihrem Selbst von damals. Eine denkwürdige Ausstellung war 1970 die "Bewegung ’70" in Pécs, die anläßlich des 20. Jahrestages auch die dortigen Veranstalter animierte, die damaligen Werke ausfindig zu machen und mit den neuen Veränderungen zu konfrontieren. Diese Ausstellung fasste die Vertreter der konstruktivistischen und kinetisch-optischen Richtungen zusammen. Die Wiederentdeckung und Integrierung der konstruktivistischen Tradition zeitigten die vielleicht größte internationale Anerkennung für Bak Imre, Nádler István, Fajó János, Keserû Ilona auch in dieser Frühperiode, denn diese konnten sie ja mit dem Schaffen der ungarischen Repräsentanten des Bauhauses verbinden. Als wichtig erachtete diese Generation auch bis zu einem gewissen Grade, in Motiv und Farbenwelt auf die Traditionen der ungarischen Volkskunst, auf Fragen der ungarischen nationalen Identität zu verweisen. Erstmals auf eine so "transponierte" Weise haben sich zu diesem Programm die Mitglieder des Künstlerkreises von Szentendre, Vajda, Korniss und Bálint im Geiste der Bartók’schen Schaffensmethode bekannt. Neben den jungen konstruktivistischen und abstrakten Künstlern war es in erster Linie Dezsõ Korniss, der derartige Werke schuf. In den 70er Jahren wird die Koncept Art determinierend, vertreten teils von den Künstlern, die den Konstruktivismus vorübergehend oder endgültig verlassen, teils von denen der Pop Art, denen sich aber auch Jüngere anschließen, die Mitglieder der Pécser Werkstatt, Pinczehelyi Sándor, Halász Károly, Ficzek Ferenc … . Die auch in ihrer Wirkung bedeutendste, vielseitige Persönlichkeit der Koncept Art war Erdély Miklós, der nicht nur als bildender Künstler in Erscheinung trat, sondern auch als Schriftsteller, Photograph und Filmer ein beachtliches Lebenswerk hinterließ. Viele der heute bedeutenden Gestalten der 80er Jahre gehörten der von ihm ins Leben gerufenen Gruppe Indigó an. Eine ernstzunehmende Aufarbeitung von Erdélys geistigem Nachlass ist derzeit anhand von geplanten Ausstellungen im In- und Ausland im Gange. Neben Erdély ist das Schaffen von Attalai Gábor, Szentjóby Tamás, Maurer Dóra von Bedeutung, vorübergehend beschäftigen sich aber mit der Koncept Art auch Lakner László, Bak Imre und Jovánovics György. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre ist, parallel zur Eliminierung der Wirtschaftsreformen, auch in der Kulturpolitik eine allmähliche Restriktion zu beobachten, die im ungarischen Geistesleben, in erster Linie auf dem Gebiet von Literatur, Philosophie und visueller Kunst, eine erneute, freiwillige und der Not gehorchende Emigrationswelle auslöst. Parallel dazu etabliert sich im Westen das stereotype Ungarnbild von der lustigsten Baracke im Lager, vom Land des Gulaschkommunismus, später des Kühlschrank-Sozializmus, wo relative Freiheit und Wohlstand herrschen. Neben den in den Attributen enthaltenen Teilwahrheiten sahen nur wenige das Elend des Geisteslebens und seine kontinuierliche Degradierung. Bei alldem war jedoch vom Ende der 60er Jahren an zum Beispiel auf dem Gebiet der bildenden Kunst ein Durchbruch erfolgt: motiviert in erster Linie von außenpolitischen Gesichtspunkten fanden einschlägige Ausstellungen in Ungarn statt, bzw. indem man ausländischen Ansprüchen nachkam, ließ man die marginalisierten Künstler allmählich in Erscheinung treten. Um diese Zeit durften erstmals die im Ausland lebenden prominenten Ungarn mit größeren Ausstellungen heimkehren. Danach konnte man nicht mehr so tun, als wäre nichts geschehen. Mit der schwindenden Kraft des totalitären Systems, mit dem allmählichen Erstarken der Opposition ging auch die langsame Normalisierung der Lage einher, in der man begann, die moderne Kunst anders, nicht mehr als Feind zu betrachten. Das Happy End lässt jedoch noch auf sich warten, sofern es überhaupt ein solches gibt, ist es schon die Geschichte der 80er Jahre. Auf jeden Fall langte um diese Zeit die Neoavantgarde in der Epoche der Transavantgarde ein, und in Ungarn spielte sich sogar ein Wunder ab, da die Mitglieder der "Großen Generation" unter der Flagge der Neuen Malerei mit den Jungen zusammen auftraten. Weltweit gibt es viele, die Transavantgarde für den Verrat an der Avantgarde halten, obgleich bei uns auch diese, wie so vieles andere, in einer eigentümlichen Form auftritt. Die internationale Transavantgarde geht eine Koexistenz mit der eher konzeptuellen Installation, mit der Aktionskunst und dem Happening, bzw. mit der alternativen Musikproduktion und der Dichtung ein, sehr häufig werden sie von denselben Künstlern betrieben. Die zu Ehren oder geradezu unter dem Vorwand von El Greco geschaffenen Werke repräsentieren eben diese Vielfalt.

Dr. Néray Katalin, Direktorin Museum Ludwig Budapest
Textbeitrag im Katalog "El Greco", Museum der Schönen Künste, 1991



Werke zum Text:

    
 
Frottage
 
Heiss Nacht
 
Metaphysik
 
Spartakiad II.
 
      
 
Vorgefühl
 
Neo Geo dunkel Punkte